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Wurzeln
jutsu-do
Namensgebung
Die Ryu
Aikido in Deutschland

jutsu - do: Weiterentwicklung der Kriegskünste

Sengoku Jidai - Zeit der kämpfenden Länder

Im 15. Jhdt. hatten die Provinzfürsten, die daimyo, gegenüber dem Shogunat der Ashikaga beträchtliche Macht erlangt. Die Ashikaga erwiesen sich aber als nicht in der Lage, diese Macht zu bändigen, und im Onin-Krieg (1467-1477) kämpften die daimyo um die Ablösung und Nachfolge der Ashikaga. Da dieser Krieg keinen eindeutigen Sieger hervorbrachte, kam es in der Folge zu einer Periode heftiger Machtkämpfe, die in Anlehnung an eine ähnliche Periode in der chinesischen Geschichte als "Zeit der kämpfenden Länder" (sengoku jidai) bekannt ist.

Wappen Oda Mitte des 16. Jhdt. gelang es dem von den Taira abstammenden General Oda Nobunaga, einige bedeutende Siege über die daimyo zu erzielen, sowie die Macht der bis dahin in ihrer politischen und militärischen Bedeutung dem Kriegerstand durchaus ebenbürtigen Kriegermönche endgültig zu brechen.

Wappen Toyotomi In den Jahrzehnten darauf brachte sein Nachfolger Toyotomi Hideyoshi durch geschickte Kriegsführung erstmals nahezu das gesamte Land unter seine Herrschaft. In der so genannten Großen Schwertjagd 1588 entwaffnete er per Edikt sämtliche Bauern, religiösen Stände und einfaches Volk, und machte damit die strikte Trennung zwischen Kriegerkaste und restlichem Volk vollkommen. Nach Hideyoshis Tod konnte sein minderjähriger Sohn die Macht jedoch nicht aufrecht erhalten, und für kurze Zeit brachen erneut chaotische Zustände aus, als die verbliebenen daimyo begannen, sich gegenseitig zu bekriegen.

Herrschaft der Tokugawa

Wappen Tokugawa Tokugawa Ieyasu war es, der schließlich im Jahr 1600 in der Schlacht von Sekigahara, an der alle übrigen daimyo beteiligt waren, den entscheidenden Sieg davontrug und in der Folge durch eine rigorose Politik der Kontrolle Japan in die friedliche Ära des Tokugawa-Shogunats führte.

Bis dahin war der einzige Zweck der Kriegskünste (bugei / bujutsu) gewesen, in der Schlacht Einsatz zu finden und dort mit höchstmöglicher Effizienz im Zweikampf den Gegner zu vernichten. Nachdem Ieyasu Anfang des 17. Jhdts. die letzte Opposition besiegt und damit die Herrschaft über ganz Japan erlangt hatte, war damit der eigentliche Zweck der Kriegskünste hinfällig geworden.

Schon lange vor Beginn der Tokugawa-Herrschaft hatte der Buddhismus begonnen, den Kriegerstand in spiritueller Hinsicht zu beeinflussen. Insbesondere der Zen-Buddhismus hatte den bushi ein Konzept geboten, das eine Geisteshaltung ermöglichte, in der sich der Einzelne von jeglicher weltlichen Bindung frei machte, um ein pflichtbewußtes Leben im Angesicht des Todes zu führen. Gleichzeitig förderte der Buddhismus eine allgemeine Gebildetheit, so daß das Studium der Kriegskunst und das Streben nach sittlicher Erziehung und Entwicklung in einen Zusammenhang gestellt wurden, indem der Krieger, der sich einerseits um eine Vervollkommnung seiner kriegshandwerklichen Fähigkeiten bemühte, sich andererseits auch mit Dichtung, bildender Kunst usw. befaßte. (Hierher auch der Ausdruck bun bu ichi: Schwert und Feder sind eins.)

Miyamoto Musashi Die wohl berühmteste Gestalt des klassischen Japan war Miyamoto Musashi. Nicht nur war er ein ausgezeichneter Schwertkämpfer, der der Überlieferung zufolge mehr als sechzig Zweikämpfe gewann. Daneben hat er auch eine Reihe bemerkenswerter Kunstwerke geschaffen in Form von Gedichten, Tuschezeichnungen und Schnitzereien. Sein "Buch der fünf Ringe" (go-rin-no-sho) gilt als ein Klassiker der Kampfstrategie und wird heutzutage nicht nur in Kendo/Kenjutsu-Kreisen, sondern auch von Managern konsultiert. Musashi ist besonders durch die Zwei-Schwert-Technik berühmt, die er perfektionierte. Er selbst nannte seinen Stil Ni-ten-ichi-ryu.

Zwar fanden die samurai, wie die Mitglieder der Kriegerkaste inzwischen genannt wurden (wörtlich übersetzt bedeutet samurai: Diener), als Wächter und Verwalter weiterhin Anstellung bei den Fürsten, denen sie immer noch in absoluter Loyalität verpflichtet waren, aber ihrer eigentlichen Aufgabe waren sie in der Edo-Zeit, benannt nach dem Regierungssitz der Tokugawa-Shogune, beraubt. Die Aufgaben, die sie übernahmen, waren immer mehr administrativer Art, während es ihnen aufgrund ihres Standes unmöglich oder gar verboten war, einem gewöhnlichen Gewerbe oder Beruf nachzugehen.

Im 17. Jhdt. war daher das Bedürfnis unter den bushi groß, ihrem Status einen neuen Inhalt zu geben, was z.B. im hagakure der von Tsunetomo Yamamoto verfaßten moralisierenden Regel-Schrift besonders deutlich wird. Im 18. Jhdt. hatte sich schließlich ein Konzept herausgebildet, das ein von Pflichterfüllung, Loyalität und Güte geprägtes Kriegerideal beschwor. Dieses Konzept, genannt bushido, stellte damit einen Ehrenkodex von Kriegern dar, die im strengen Sinne aber keine mehr waren.

In diesen relativen Friedenszeiten hatte eine Beschäftigung mit den Kriegskünsten mit dem Ziel, einen Gegner möglichst schnell und kompromißlos vernichten zu können, keine Berechtigung mehr. Stattdessen kamen Gedanken auf, die Kriegskünste zu studieren in der Absicht den Frieden zu bewahren. Durch die Fähigkeit des tödlichen Einsatzes zB. des Schwertes und durch das Wissen um diese Fähigkeit, schien erst möglich, auf diesen tödlichen Einsatz zu verzichten. Zwar fanden immer noch blutige Duelle bis zum Tod statt, aber das eigentliche Training der Waffenkünste hatte diese nicht zum Ziel. Vielmehr entstand so etwas wie der Versuch, durch das Studium der Waffenkünste in Friedenszeiten dem Tod ins Auge zu sehen, zu dem Zweck, dadurch eine persönliche und spirituelle Entwicklung zu erfahren.

Krieger beim Training Nachdem das Studium der bugei zum Zwecke der physischen Fertigkeit und Geschicklichkeit einem Streben nach persönlicher und spiritueller Entwicklung Platz gemacht hatte, wurde es nicht länger als selbstverständlich und notwendig angesehen, eine Kriegskunst als vollständiges System zu studieren, das die Anwendung von Waffen sowie strategische Aspekte umfasste. Stattdessen schien es ausreichend, hohe Perfektion mit nur einer Waffe oder in nur einer waffenlosen Disziplin zu erlangen. Als weitere Konsequenz verwendeten eine Reihe von Schulen an Stelle des Audrucks jutsu in ihrem Namen die Silbe do, was der Abkehr von rein praktischen Zielen und der Hinwendung zu einem Lebensweg zur Erhöhung des eigenen Selbst Ausdruck verlieh.

Ende des Shogunats

Anfang des 19. Jhdts. begann die von der Tokugawa-Regierung geschaffene Isolation des Landes zu bröckeln. Der Einfluß westlicher Schriften und Ideen, Besuche von Europäern in Japan und die hartnäckigen Bemühungen der USA um Handelsbeziehungen bewirkten schließlich die Öffnung Japans für den Westen. Dies verstärkte bereits bestehende Widerstände gegen das Shogunat, und von ausländerfeindlichen, prokaiserlichen Gruppen angeführte Unruhen gipfelten schließlich im Jahr 1868 im Rücktritt des Shoguns und der Ausrufung der absoluten Monarchie. Kaiser Mutsuhito wählte für seine Regentschaft das Motto meiji ("erleuchtete Herrschaft"), so daß die Abschaffung des Shogunats und Wiedereinrichtung des Kaisertums in Japan auch als Meiji-Restauration bezeichnet wird.

Das Ende des japanischen Feudalismus war gleichzeitig das Ende der samurai als eines gesellschaftlichen Standes, womit auch das Konzept des bushido bedeutungslos geworden war. Obschon die bugei noch in alter Form und Tradition weitergegeben wurden, besaßen sie keine praktische Anwendung mehr. So gewannen die waffenlosen Anteile der Kampfkünste immer mehr an Popularität, ging es doch hier um eine körperliche und geistige Entwicklung und Erziehung.

Kano 1930 Es war diese Idee, die Kano Jigoro Ende des 19./Anfang des 20. Jhdts. verfolgte.
Nach einigen Jahren intensiven Studiums von zunächst Tenjin shinyo ryu jujutsu und später Kito ryu jujutsu, entwickelte er eine Reihe eigener neuer Techniken, verwarf potentiell gefährliche Techniken der alten Disziplinen und formte daraus ein neues System. Als Weiterentwicklung der jujutsu-Formen und gedacht als eine sportliche Form für junge Männer zum Zweck der körperlichen Erziehung und Disziplinierung des Geistes nannte er sein System Judo - Weg der Weichheit/Flexibilität.

Prägend erwies sich die von manchen auch als fatal angesehene Entscheidung Jigoros, neben der Einführung des kyu-dan-Systems zur Kennzeichnung des Fortschrittsgrades der Schüler das Austragen von Wettkämpfen als integralen Bestandteil in sein System aufzunehmen.
Gleichzeitig stellte dies jedoch die eigentliche Geburtsstunde der modernen budo-Disziplinen dar.


Die Trennung der Kampfkünste in jutsu- und do-Formen ist in Japan möglicherweise weniger streng, als im Westen dargestellt. Allgemein kann man aber sagen, daß die jutsu-Formen die älteren (koryu) und die do-Formen die moderneren (gendai) sind, soweit daß keine do-Form existiert, die nicht als Vorläufer eine jutsu-Form besitzt. Vor allem in der Methode der Lehre und der Beurkundung des Erlernten unterscheiden sich die beiden Formen.

Die jutsu werden üblicherweise nur einem kleinen Kreis formal eingeführter Schüler zugänglich gemacht, die dann unmittelbar unter dem Leiter der ryu oder eines Stellvertreters trainieren. Die Weitergabe der Lehre geschieht in einer streng vorgegebenen Form unter teils hartem, hingebungsvollem Training. Wenn der Schüler eine Stufe erreicht hat, ein bestimmtes Level der Lehre gemeistert zu haben bzw. unterrichten zu können, wird ihm eine entsprechende Urkunde verliehen. Andere Formen der Graduierung gibt es nicht.

Die do hingegen sind ausgelegt, eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen, und es wird im allgemeinen nicht als negativ angesehen, wenn die Schüler die Lehre nicht fraglos akzeptieren, sondern die Kunst mit ihrer eigenen Individualität auszufüllen suchen. In einer Reihe von Disziplinen wird zudem durch regelmäßiges Austragen von Wettkämpfen der Wettbewerb gefördert. Der Entwicklungsstand des Einzelnen wird hier durch Vergabe von Anfänger- (kyu) und Fortgeschrittenen-Graden (dan) angezeigt, worin Kritiker die teils berechtigte Gefahr sehen, daß das Training nur noch dem Erwerb dieser Auszeichnungen statt dem tatsächlichen Studium der Kunst gilt.

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