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jutsu-do
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Aikido in Deutschland

Ryu: Strömungen


 
Leben bedeutet Bewegung und damit Veränderung, Entwicklung. Ebenso bedeutet dies für die Lehre, wenn sie sich von der Quelle aus fließend ausbreitet, daß Entwicklung und Veränderung unausweichlich sind, wenn sie lebendig bleiben will.

Noch während Ueshiba Morihei damit beschäftigt war, seine Lehre auszuformulieren, begannen einige seiner prominentesten Schüler ihre eigenen Interpretationen zu verwirklichen. Der stilistische Schwerpunkt dieser Strömungen erklärt sich zum Teil daraus, wann diese sich, in Bezug auf die Entwicklung von Ueshibas Aikido, bildeten.


Hauptströmungen

- Als Hauptströmungen werden hier die Originallinie und ihre wichtigsten, stilistisch unterscheidbaren Seitenlinien betrachtet. -

Aikikai
Ueshiba Morihei (1887 - 1969), Kisshomaru (1921 - 1999), Moriteru (1951 - )

Die Aikikai Stiftung (Zaidan Hojin Aikikai) wurde 1948 gegründet als Nachfolgeorganisation der Kobukai Stiftung und mit Ueshiba Kisshomaru als ihrem Vorsitzenden, der auch schon 1942 Direktor des Kobukai geworden war. Damit stellt das Aikikai Hombu Dojo die unmittelbare Fortführung des Kobukan Dojo dar, Ueshibas Schule in Tokyo vor dem zweiten Weltkrieg.

Formal ist der Aikikai die Schule bzw. Stilrichtung der Ueshiba-Familie: der Titel des Doshu ging nahtlos von Morihei zunächst auf seinen Sohn Kisshomaru und dann auf seinen Enkel Moriteru über. Technisch stellt sich der Aikikai allein schon aufgrund seiner Größe und der Zahl der aus ihm hervorgegangenen Meister nicht so homogen dar. Die als Shihan in die verschiedenen Länder entsandten Lehrbeauftragten nahmen jeder ihre eigene Interpretation des Aikido mit und verhalfen der Organisation damit zu einer größeren stilistischen Bandbreite als die anderen Schulen sie aufweisen. 

Der größte Verdienst in der weltweiten Ausbreitung von Aikido sowie des Aikikai ist Ueshiba Kisshomaru und Tohei Koichi, der bis Anfang der 70er Jahre Hauptlehrbeauftragter des Hombu Dojo war, anzurechnen. Durch ihre Reisen u.a. in die Vereinigten Staaten und Europa verhalfen sie der Kunst zu großer Bekanntheit über die Grenzen von Japan hinaus. Manche behaupten sogar, daß das Erscheinungsbild des modernen Aikido des Aikikai Hombu Dojo weniger auf Morihei als auf diese beiden Männer zurückgeht.

Yoseikai
Mochizuki Minoru (1907 - 2003)

Mochizuki Minoru begann als Sechsjähriger zunächst mit dem Training von Gyokushin Jujutsu, bevor er im Alter von 19 Jahren Kano Jigoros Kodokan Dojo beitrat, um Judo zu lernen. Kano lud regelmäßig Meister anderer Kampfkünste in sein Dojo ein, unter anderem Ueshiba Morihei. Kano erkannte Mochizukis Talent schickte ihn zu Ueshiba, um dessen Kunst zu erlernen, möglicherweise, um diese dann im Kodokan zu unterrichten. Mochizuku war damals 24 Jahre.

1931 eröffnete Mochizuki ein Dojo in Shizuoka. Dort begann er, aufbauend auf seinen Kenntnissen in Aikido, Judo, Katori Shinto Ryu und Karate, sein eigenes System zu formulieren. Zu seiner Reife gelangte sein Budo, das mittlerweile als Yoseikan Aikido oder Yoseikan Budo bekannt ist, in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. 1951 reiste Mochizuki nach Frankreich, in erster Linie um dort Judo zu unterrichten, fand aber auch Gelegenheit Aikido zu unterrichten, und ihm wird daher allgemein die Ehre zugesprochen, als Erster die Lehren des Aikido über die Grenzen Japans hinaus getragen zu haben.

In Japan hat Yoseikan Aikido nur eine kleine Anhängerschaft. Eine größere Gefolgschaft existiert jeweils in Nord Amerika und in Europa, dort besonders in Frankreich.

Tomiki ryu
Tomiki Kenji (1900 - 1979)

Tomiki ryu Aikido ist die von Tomiki Kenji begründete wettkampforientierte Stilrichtung. Schon mit 10 Jahren begann Tomiki Kenji mit dem Judo-Training, so daß er schon ab dieser Zeit mit dem Wettkampfgedanken vertraut wurde. Kano Jigoro, Begründer des Kodokan Judo, der von Ueshibas Kunst sehr beeindruckt war, nachdem er im Oktober 1930 eine Vorführung in Mejiro besucht hatte, forderte Tomiki auf, diese Kunst zu erlernen, um seinen Horizont zu erweitern. Tomiki begann daraufhin 1926 mit dem Training von Daito-ryu aikijujutsu im Omoto Hauptquartier in Ayabe, später dann Aiki budo im Kobukan Dojo, Wakamatsu-cho. Dort war er zeitweilig als Lehrer tätig und hatte Anteil an der Erstellung von Ueshibas 1933 erschienenem "Budo Renshu".

Während Tomiki sich weiter dem Judo widmete, hielt er doch die Verbindung zum Kobukan Dojo aufrecht, und beschäftigte sich beständig mit Aikido. Er begann seine Theorie eines "vollständigen Judo" zu entwickeln, in dem das klassische Judo erweitert wird durch Techniken, die mit Angriffen umgehen, bei denen sich die Partner anfänglich nicht berühren, was eine deutliche Verwandtschaft zu Aikido zeigt.

Seit Ende der vierziger Jahre gehörte Tomiki der Sportabteilung der Waseda Universität an. Ende der Fünfziger wurde als Ergebnis von Tomikis Bemühungen dort eine Aikido Abteilung eingerichtet, mit der Auflage die Idee des Wettkampfes zu integrieren. Tomiki entwickelte daraufhin eine Wettkampfform für einen mit einem Messer bewaffneten Angreifer und einen unbewaffneten Verteidiger, die "Randori no kata". Diese Aufnahme des Wettkampfgedankens in das Aikido führte schließlich zu einer Spaltung zwischen Tomiki und Ueshiba, und Ueshiba forderte Tomiki auf, in Zukunft einen anderen Namen als Aikido für seinen Stil zu verwenden. Gelegentlich wird der Name Shodokan Aikido synonym für Tomiki Aikido verwendet, obschon sich dieser Name in der "Tomiki-Welt" nicht wirklich durchsetzen konnte.

Yoshinkai
Shioda Gozo (1915 - 1994)

Shioda Gozo, der sich bereits Kenntnisse in Kendo und Judo angeeignet hatte, schrieb sich 1932 mit 17 Jahren in Ueshibas Kobukan Dojo, Shinjuku, Tokyo, ein. Ueshibas Aiki Budo befand sich zu der Zeit in einem Entwicklungsstadium zwischen Daito Ryu Aikijujutsu und modernem Aikido, d.h. statt runder, spiralförmiger Bewegungen bestand das Repertoire aus eher linearen Techniken, die sehr zahlreich waren und viele komplizierte Hebel- und Haltetechniken enthielten.

1950 erhielt Shioda den Auftrag, das Gelände eines japanischen Stahlkonzerns zu bewachen, wozu er 55 Mitglieder der Kendo, Judo und Sumo Clubs der Takushoku Universität rekrutierte. Als Folge davon wurde er gebeten, an verschiedenen Fabrikstandorten regelmäßig Aikido zu lehren. Darauf folgten zahlreiche Aikido Demonstrationen in einer Reihe von "Police Departments" um 1952. Shiodas Bekanntheit nahm schnell zu und die Zahl seiner Anhänger wuchs.

So entstand schließlich die Yoshinkan Aikido Organisation parallel zur Entwicklung des Aikikai, der sich als Fortführung des Kobukai noch nicht vollständig von den durch den zweiten Weltkrieg geschaffenen Umständen erholt hatte. Insbesondere eine öffentliche Vorführung im Tokyo Gymnasium in Sendagaya 1954, bei der Shioda einen besonderen Eindruck hinterließ, machte führende Personen einer japanischen Bank sowie eines Wirtschaftsunternehmens auf ihn aufmerksam. In der Folge konnte dann mit deren finanzieller Unterstützung das Yoshinkan Aikido Dojo in Tsukudo Hachiman im Jahre 1955 eröffnet werden.

Der Yoshinkan ist heute die zweitgrößte Aikido Organisation mit starker Präsenz in den U.S.A. und Europa. Die International Yoshinkan Aikido Federation (IYAF) wurde 1990 geschaffen.

Shinshin Toitsu Aikidokai
Tohei Koichi (1920 - 2011)

Der Shinshin Toitsu Aikidokai (Gesellschaft für Aikido in Einheit von Geist und Körper) wurde 1974 von Tohei Koichi gegründet.
Tohei begann 1939, noch als Student, in Ueshibas Kobukan Dojo mit dem Training von Aiki budo. Nach dem zweiten Weltkrieg nahm er dann den zwischenzeitlich abgerissenen Kontakt zu seinem früheren Lehrer wieder auf, der sich nach Iwama zurückgezogen hatte. Schon bald wurde Tohei zu einer führenden Gestalt im Aikikai Hombu Dojo. Beginnend Anfang der 50er Jahre unternahm Tohei ausgedehnte Reisen nach Hawaii sowie auf das U.S.-Festland und Europa, um dort zu unterrichten, und trug so in entscheidender Weise zur Entwicklung des Aikido vor allem in den U.S.A. bei.

Im Aikikai Hombu Dojo erfüllte Tohei mehrere Jahre die Rolle des Hauptlehrbeauftragten. Seine Bemühungen allerdings, seine Trainings- und Lehrmethoden, die explizit das Ki-Konzept betonen, in die allgemeine Lehre des Aikikai Hombu Dojo zu integrieren, waren nicht von Erfolg gekrönt, so daß er 1971 den Ki no Kenkyukai (Gesellschaft zur Ki-Erforschung) gründete. 1974 dann veranlaßte ihn das angespannte Verhältnis zwischen ihm und dem damaligen Doshu sowie anderen Lehrbeauftragten des Hombu Dojo, sich endgültig vom Aikikai zu trennen. Im selben Jahr gründete er schließlich den Shinshin Toitsu Aikidokai. Mittlerweile werden die Bezeichnungen Shinshin Toitsu Aikido und Ki no Kenkyukai von der Organisation synonym verwendet. Im Oktober 1990 erklärte Tohei offiziell seinen Rückzug aus der Lehre des Shinshin Toitsu Aikido und übergab die Leitung an Maruyama Koretoshi, seinen erklärten Nachfolger und Schüler aus Aikikai-Tagen.

Die Lehre im Shinshin Toitsu Aikido umfaßt neben Aikido-Techniken eine Reihe von Übungen zur Ki-Entwicklung sowie Ki-Tests. Im Hombu Dojo werden zudem Kurse in Kiatsu, der von Tohei entwickelten Druckpunkt-Massage Technik, angeboten.


Nebenströmungen

- Die Nebenströmungen heben sich nicht so stark von der Originallinie ab, haben aber als Organisationen eine eigenständige Bedeutung. -

Manseikan Aikido / Aiki Manseido
Sunadomari Kanshu (1923 - 2010)

Sunadomari Kanshu, der vor dem Krieg ein Uchi deshi Ushibas war, gründete 1954 auf Kyushu ein Aikido Dojo mit Namen "Manseikan". Nach Ueshibas Tod löste Sunadomari seine Bindungen zum Aikikai Hombu und nannte sein Aikido "Manseikan Aikido" mit Hombu in Kumamoto. 1999 wurde die Organisation in Aiki Manseido umbenannt.
Bekannt ist Sunadomari besonders für seine Ki-no-nagare-Technik und seine Betonung auf Kokyu-Prinzipien. Daneben ist er Autor einer Reihe von Büchern über Aikido.

Iwama Ryu
Saito Morihiro (1928 - 2002)

Iwama-ryu Aikido ist der inoffizielle Name der unter der Leitung von Saito Morihiro in Ueshibas Dojo in Iwama unterrichtete Stil. Saito Morihiro begegnete 1946 als 18-jähriger Ueshiba Morihei in dem kleinen Dorf Iwama, wohin dieser sich während des zweiten Weltkriegs zurückgezogen hatte. Die nächsten 15 Jahre war Saito uchi deshi in Iwama und lernte das frühe Aikido und besonders Ueshibas Stock- und Schwerttechniken. Nach Ueshibas Tod wurde Saito Dojoleiter in Iwama.
Obwohl die Techniken des Iwama Dojo etwas statischer wirken, besitzen sie doch eine große Ähnlichkeit zum Aikikai Aikido, während das Repertoire an Waffentechniken wesentlich größer ist. Saito sieht sich selbst als Bewahrer des Vermächtnisses der Aikido- und Waffentechniken Ueshibas, und vielen gilt das Iwama Dojo mit seinem nahegelegenen Aiki-Schrein nahezu als Pilgerstätte.
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Ende 2003 verkündete Saito Hirohito, Sohn von Morihiro, seine Loslösung vom Aikikai. Der neue offizielle Name der Organisation lautet seitdem Iwama Shinshin Aiki Shurenkai.

Tendo Ryu
Shimizu Kenji (1940 - )

Tendo Ryu Aikido wurde 1972 von Shimizu Kenji gegründet. Shimizu war einer der letzten uchi deshi Ueshibas, so daß manche der Ansicht sind, daß Tendo Ryu die letzte Entwicklungsstufe von Ueshibas Aikido darstellt. Stilistisch ist Tendo Ryu Aikido dem Aikikai Aikido sehr ähnlich.

Der Tendokan unterhält ein großes Hombu Dojo in Tokyo sowie eine Reihe von Tochterdojo in Europa.
 
 


Andere Stile

- Wenn auch vielleicht nicht direkt daraus hervorgegangen, dann doch im Zusammenhang mit Aikido parallel dazu entstandene Richtungen -

Korindo
Hirai Minoru (1903 - 1998)

1945 von Hirai Minoru begründete Stilrichtung. Hirai trat 1939 dem Kobukan bei. Im Januar 1942 wurde er verantwortlicher Leiter für allgemeine Angelegenheiten des Kobukai, und im Oktober 1942 wurde er als Repräsentant zum Dai Nihon Butokukai entsandt. Im Oktober 1945 eröffnete er das Korindo Dojo in Shizuoka und im September 1954 in Tokyo. Im Januar 1954 kam es dann mit dem Zusammenschluß der Shizuoka, Okayama und Tokyo Dojo zur Gründung des Nihon Korinkai.
Korindo vereint Aikido-Bewegungen mit Elementen aus Jujutsu und Kenjutsu.

Shinwa Taido / Shinei Taido
Inoue Noriaki (1902 - 1994)

Ueshibas Neffe Inoue Noriaki (der u.a. auch die Namen Yoichiro und Hoken verwendete) unterrichtete Kampfkunst bis kurz vor Ausbruch des Koreakrieges am Luftstützpunkt Tachikawa wahrscheinlich unter der Bezeichnung Aiki Budo. Seit 1956 verwendete er für seine Kunst zunächst den Namen Shinwa Taido, später dann Shinei Taido.
Möglicherweise hat die Familie Inoue, die vergleichsweise wohlhabend war, manche Wendung in Ueshibas Leben, und damit die Entwicklung des Aikido beeinflußt.
Stilistisch soll Shinwa Taido/Shinei Taido dem Aiki Budo bzw. dem Aikido aus Ueshibas Vorkriegszeit nahe stehen.

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