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Wurzeln: Entstehung der kriegerischen Traditionen, bugei

Frühzeit und erste Kaiser

Jimmu Tenno auf Yamato Seit jeher gehört es zu den Eigenschaften der Menschheit, Kämpfe auszutragen und Kriege zu führen um Nahrung, Landbesitz, Vormachtstellung, etc. So führten auch die von China und dem heutigen Korea nach den japanischen Inseln vordringenden Clans und Stämme (uji) Kriege um eben diese Dinge, zunächst gegen die japanische Urbevölkerung und später gegeneinander. Der Überlieferung zufolge war es Kaiser Jimmu, der von Kyushu aus das erste japanische Reich, yamato (in etwa die heutige Nara Präfektur), begründete. 

Der wohl früheste Bericht eines Zweikampfes findet sich sowohl in Kojiki ("Aufzeichnungen altehrwürdiger Dinge ") als auch in Nihongi ("Chroniken von Japan von den ältesten Zeiten bis 697 A.D."). Darin wird von einer Begebenheit zur Zeit der Herrschaft des Kaisers Jimmu berichtet, bei der die Götter Take mika dzuchi no kami und Take mi gata no kami an den Ufern von Izumo um die Vorherrschaft über das "Zentralland der Schilfgras-Ebenen" (sprich: das japanische Inselreich) kämpften. Sieger dieser Auseinandersetzung blieb Take mika dzuchi no kami, auf den die kaiserliche Familie schließlich ihre Herkunft zurückführt. Diese mythologische Rechtfertigung der Herrschaft des Kaiserhauses gilt gleichzeitig als der mythologische Ursprung des Sumo.

In den ersten Jahrhunderten lag die politische Macht zunächst in den Händen der kaiserlichen Familie, zunehmend aber auch bei den uji und, nach der Ankunft des Buddhismus in Japan im 6. Jhdt., teilweise auch bei den großen Klöstern der buddhistischen Mönche. Mit dem Rückzug aus den tatsächlichen Regierungsgeschäften und deren Delegation an Untergebene verlor das Kaiserhaus um das 9. Jhdt. herum allmählich an politischer Bedeutung. Die vier mächtigsten Familien in dieser Zeit waren die Fujiwara, die Tachibana, die Taira und die Minamoto, und in den nächsten ca. 250 Jahren stellte die Familie der Fujiwara eine Reihe von Marionetten-Kaisern, so daß die politische Macht faktisch in den Händen dieser Famlie lag.
Mitte des 11. Jhdt. war die Macht dann weitestgehend aufgeteilt zwischen einer klösterlichen Regierung (aufgrund des buddhistischen Gelöbnisses abgedankte Kaiser, die stellvertretend für die tatsächlichen Kaiser regierten) einerseits, und einer in den Provinzen aufkommenden Kriegerkaste (von Mitgliedern der adeligen Familien der Taira und Minamoto angeführte Kampfgruppen, die im Dienst der provinziellen Fürsten (daimyo) und deren Vasallen für den Schutz von deren Gütern und Besitztümern sorgten).

Die Zeit der Shogune

Nahezu ständig gab es kriegerische Auseinandersetzungen und Streitereien zwischen den verschiedenen Machtgruppen, während lokale Fürsten darum bemüht waren, ihren Machtbereich zu sichern und zu erweitern. Insbesondere im  12. Jhdt. war Japan geprägt von Bürgerkriegen, aus denen schließlich durch den Sieg von Minamoto Yoritomo über den Taira-Clan 1185 der Clan der Minamoto als vorherrschende Macht hervorging. Im Jahre 1192 wurde Yoritomo vom Tenno zum Sei i tai shogun ("Barbaren bezwingender Generalissimo", der Titel geht zurück ins 8. Jahrhundert und bezieht sich auf die kriegerische Verfolgung der Ainu, der japanischen Urbevölkerung auf den nördlichen Inseln) ernannt, womit die tatsächliche Macht in Japan an Yoritomo überging. Kurz darauf errichtete Yoritomo bei Kamakura das Hauptquartier seiner bakufu (wörtl. Zeltregierung) genannten Militärregierung. Dies war der Beginn des ersten Shogunats, später nach dem Regierungssitz Kamakura-Shogunat genannt.

Ashikaga Takauji Mit der Ermordung des dritten Shogun, Minamoto Sanetomo (Yoritomos zweitem Sohn), im Jahre 1219 starb Yoritomos Linie aus. Das Shogunat fiel an die Familie der Hojo, der auch Yoritomos Witwe abstammte. Der in Kyoto residierende Kaiser Gotoba (1180-1239) glaubte in diesem Machtwechsel die Gelegenheit zu erkennen, dem Shogunat die Macht nehmen und wieder auf das Kaiserhaus übertragen zu können. Die darauffolgenden Kriege zwischen dem Kaiserhaus und der Familie der Hojo, unterbrochen von einer Invasion der Mogolen unter Kublai Khan 1274, konnten erst durch Ashikaga Takauji, einem Gefolgsmann der Hojo, beendet werden, indem er sich 1333 unerwartet gegen die Hojo wandte und für die Seite des amtierenden Kaisers Godaigo kämpfte. Kurz darauf wandte sich Takauji aber wieder gegen Kaiser Godaigo, setzte einen neuen Kaiser in Kyoto ein (wodurch es nun bis zum Jahr 1392 zwei kaiserliche Höfe gab: einen Nördlichen in Kyoto und einen Südlichen in Yoshino, dem Zufluchtsort von Godaigo) und begründete 1336 das Ashikaga-Shogunat, auch Muromachi-Shogunat genannt, nach dem neuen Regierungssitz in Muromachi, einem Stadtbezirk von Kyoto.

Während das Land in kultureller Hinsicht mehrere Blüteperioden erlebte, waren die folgenden Jahrhunderte Japans (bis Ende des 16. Jhdts.) bestimmt von Verschwörungen, Erbfolgekriegen, Intrigen und Machtkämpfen, sowie Invasionsversuchen durch die Mongolen. Gleichzeitig wuchsen die buddhistischen Klöster zu einem bedeutenden Machtfaktor heran, und es war nicht selten, daß Mönche auch Rüstung und Waffen trugen. Die Kaste der Krieger (bushi) wandelte sich zu einer regelrechten Krieger-Aristokratie. Begriffe wie Loyalität und Tapferkeit waren für die bushi bedeutende Werte geworden, und der Ausdruck kyuba no michi (Weg des Bogens und Pferdes) war eine Art Sinnspruch, Ausdruck für einen Vorläufer des später bushido genannten Ehrenkodex.

Kriegshandwerk und Tradition

Die klassische Kriegführung in Japan lief (bis ins 17. Jahrhundert hinein) nach einem ziemlich simplen, rituellen Muster ab: die feindlichen Heere bezogen in gemessenem Abstand voneinander Stellung und deckten sich erst einmal gegenseitig mit Pfeilschauern ein. Nach und nach begaben sich dann die vornehmsten Krieger der jeweiligen Heere auf das Feld und begannen, den Feind mit wüsten Beschimpfungen zu bedenken, während die eigenen Verdienste, oder die der Vorfahren, ins beste Licht gestellt wurden. So trafen sich die Ersten zum Zweikampf, und bald kamen immer mehr Krieger dazu, bis schließlich das Feld von Paaren im Handgemenge bedeckt war.

Shinra Saburo Minamoto Yoshimitsu Bei einer solchen Art der Kriegführung war es natürlich für den Einzelnen wichtig, möglichst wirkungsvolle Kniffe und Tricks zu kennen, die ihm einen Vorteil gegenüber dem Gegner verschafften. Offenbar fanden einige talentierte Krieger bald heraus (ob intuitiv, durch gezielte Versuche oder auch durch Zufall), wie bestimmte Waffen am geschicktesten und gewinnbringendsten zu Fuß oder vom Pferderücken gegen Waffen und Rüstung des Gegners einzusetzen waren. Verständlicherweise wurden diese Erkenntnisse möglichst geheim gehalten und durch beständiges Üben - teilweise auch an "lebendem Material" - verfeinert. Mit der Zeit wurden die Methoden und Techniken weiter perfektioniert, und aus dem allgemeinen Kriegshandwerk wurde die Kriegskunst bugei / bujutsu.

Minamoto Yoshimitsu (1040-1127), auch "Shinra Saburo" genannt, der ein Vorfahre aus einer Seitenlinie des ersten Shogun, Minamoto Yoritomo, war, organisierte und systematisierte erstmals das innerhalb seines Clans bestehende Wissen um Techniken und Methoden des Kampfes, wobei er auch nachweislich anatomische Studien an Leichen betrieb. Offenbar war das von ihm erfaßte System von dem neo-konfuzianistischen Dualismus-Konzept Aiki in yo ho (Aiki Methode des Yin-Yang) beeinflußt, so daß dieser Ausdruck damit in Verbindung steht. Sein Sohn Yoshikiyu nahm dieses Wissen sozusagen mit, als er sich in der Kai-Region bei dem Dorf Takeda niederließ und diesen Namen als neuen Clan-Namen annahm. Die nächsten Generationen des Takeda-Clans verfeinerten und vertieften das Wissen um Kampftechniken und -methoden, und angeblich war es nur hochrangigen Samurai erlaubt, die unter dem Namen Oshiki uchi gehandelten geheimen Methoden zu studieren. Ein späterer Nachfahre des Takeda-Clans unterwies im sechzehnten Jahrhundert Adlige und Hofleute der Aizu in der Kunst, so daß es zu einer Vermischung mit Techniken des Aizu-Clans kam.

Naginata-Training Durch die Tradition, das geheime Kampfkunstwissen immer nur innerhalb der Familie vom Vater an den Sohn, oder zumindest innerhalb des eigenen Clans, weiter zu geben, zu verbessern aber vor allem auch zu bewahren, bildete sich schließlich eine große Zahl unterschiedlicher Schulen (ryu / ryu-ha) heraus.

Ken-jutsu-Training Es gab die verschiedensten Waffendisziplinen: z.B. Pfeil und Bogen (yumi-ya), Lanze (naginata), Speer (yari), Schwert (ken, katana), um nur einige wenige zu nennen. Daneben gab es auch Disziplinen, die spezialisiert waren auf Festungsbau, die Kunst der Signalfeuer, Aufstellung und Stationierung von Kriegern, die Kunst der Tarnung und Täuschung, u.s.f. Waffenloser Kampf war in aller Regel eine untergeordnete Disziplin der jeweiligen Waffentechniken, allein um kampfbereit sein zu können, wenn eine Waffe verloren oder unbrauchbar geworden war. In jedem Fall ging es in diesen Schulen ausschließlich um physische Fertigkeit und Geschicklichkeit frei von jeglichem moralisch-ethischem Überbau. Insgesamt sind mehr als 40 verschiedene Waffen- und Kampfsysteme aus Japans Feudalzeit registriert mit über 7.000 ryu und ryu-ha.

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